Die Zionskirche in Bielefeld-Bethel hat sich als Aufführungsort zeitgenössischer Musik etabliert, und im Rahmen der regelmäßigen Konzerte nimmt die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts einen großen Raum ein.Dabei steht nicht unbedingt explizit geistliche bzw. theologische Musik auf dem Programm, sondern das Ziel ist vielmehr, gerade auch quasi absolute Musik in den Kontext einer Kirche zu stellen und so den Bezug zur Transzendenz zu befragen.

 

Dieser Schwerpunkt wird durch das Festival FRAKZIONEN manifestiert. Zielgruppe ist dabei nicht in erster Linie (aber natürlich auch) das Fachpublikum der zeitgenössischen Musik, sondern alle an neuen Klängen, Erfahrungen und Bezügen interessierte, neugierige Zuhörer:innen. Diese Konzerte werden bei freiem Eintritt angeboten, um Interessierten einen einfachen Zugang zu ermöglichen. In Konzerteinführungen per Radio Antenne Bethel (in ausgewählten Stadtteilen Bielefelds auf UKW 94,3 MHz zu empfangen) und als Datei auf dieser Seite sollen auch mit Neuer Musik wenig vertrauten Zuhörer:innen ermöglichen soll, Strukturen und Entwicklungen nachzuvollziehen. 

 

Das Ziel dieses Schwerpunktes ist es, ein Musikfest zu etablieren, das Kräfte aus Ostwestfalen-Lippe, Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus bündelt und der zeitgenössischen Musik in der Zionskirche eine feste Heimat gibt.

 

Ermöglicht wurde dieses Festival in den vergangenen Jahren durch die freundliche Unterstützung der Hanns-Bisegger-Stiftung (Bielefeld), der Kunststiftung NRW, des Musikfonds e.V., des Förderkreises Kirchenmusik im Pfarrbezirk Bethel und der Stiftung Kirche für Bielefeld. Konzeption und Organisation liegen bei Christof Pülsch (Kirchenmusiker der Zionsgemeinde), unterstützt durch einen Kreis ehrenamtlicher Helfer:innen aus der Zionsgemeinde.

Der Name dieses Festivals FRAKZIONEN (von lat. fractio: Bruch oder Bruchteil) verweist auf verschiedene Formen von Brüchen:

 

Heute erleben wir wie in keiner Epoche zuvor ganz vielfältige und widersprüchliche Formen von musikalischer Zeitgenossenschaft. Das Repertoire des gängigen Konzertbetriebes (des weltlichen wie des geistlichen) speist sich anders als in früheren Jahrhunderten zum allergrößten Teil aus Musik, die vor 100 oder noch mehr Jahren entstanden ist. Dabei wird Musik, die nach 1945 komponiert wurde, oft vollständig ignoriert oder per se als unverständlich abgelehnt, und die aktuelle Produktion und Rezeption neuester Musik findet zumeist nur noch in den Refugien von Hochschulen, Festivals für ein kleines Spezialpublikum oder im Nachtprogramm öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten statt. Dieses Festival widmet sich also einem kleinen Bruchteil der Musik, die uns in unserer Zeit und in unseren Milieus umgibt.

 

Wir erleben heute eine Fraktionierung des Publikums, ein Prozess, der sich parallel zu einer fortschreitenden gesamtgesellschaftlichen Individualisierung bewegt. Wer sich für die sogenannte ernste Neue Musik interessiert, findet sich schnell in einem überschaubaren Kreis von nur wenigen und bald vertrauten Zuhörer:innen wieder. Dieses Festival möchte natürlich auch diesen kleinen Zirkel ansprechen, strebt allerdings an, diese Fraktionierung wenigstens in Ansätzen zu überwinden, will die Schwellenangst nehmen und eine unverbindliche Kontaktaufnahme zu Neuem erleichtern.

 

Brüche erleben wir täglich auf ganz verschiedenen Ebenen. Keine Generation vor uns war so direkt mit den Widersprüchlichkeiten und unerwünschten Folgen ihres Handelns konfrontiert. In dieser Welt braucht es daher auch eine Musik, die um diese Zerrissenheit weiß, eine Musik, die nicht allein Wohlklang bietet, sondern die Existenz von Geräusch, Unkalkulierbarkeit und Unvollkommenheit nicht leugnet. Eine Musik für diese Zeit.

 

Und darum gehört diese Musik in die Kirche. Dies ist der Ort, an dem Menschen auch heute noch Grenzerfahrungen machen können sollten. Ein Ort, für die Begegnung mit sich selbst und für Erfahrungen von Transzendenz. Für die Begegnung mit einer Musik, die in unsere Zeit spricht und über die sichtbare Wirklichkeit hinausweist. Eine Musik, die eine Auseinandersetzung mit ihr - und sich - fordert und Widersprüche nicht auflösen muss, sondern ihnen Raum gibt. Und eine Musik, die aufhorchen lässt und gehört werden muss.