IDEE

Die Zionskirche in Bielefeld-Bethel hat in der Vergangenheit wiederholt Aufführungen zeitgenössischer Musik Raum gegeben. Im Rahmen der regelmäßigen Orgel- und Kammermusikkonzerte wird neben Werken des klassischen Repertoires auch stets Musik, die nach 1945 entstanden ist, aufgeführt. Daneben finden vermehrt Konzerte statt, die sich ausschließlich Werken des 20. und 21. Jahrhunderts widmen. Bei diesen Konzerten steht nicht allein explizit geistliche bzw. theologische Musik auf dem Programm. Das Ziel ist vielmehr, gerade auch quasi absolute Musik in den Kontext einer Kirche zu stellen und so den Bezug zur Transzendenz zu befragen.

 

Dieser Schwerpunkt wird durch ein Festival an einem Wochenende manifestiert. Zielgruppe ist dabei nicht in erster Linie (aber natürlich auch) das Fachpublikum der zeitgenössischen Musik, sondern alle an neuen Klängen, Erfahrungen und Bezügen interessierte, neugierige Zuhörer. Diese Konzerte werden bei freiem Eintritt angeboten, um interessierten Menschen einen einfachen Zugang zu ermöglichen. In Konzerteinführungen per Radio (über Radio Antenne Bethel, in Bielefeld auf der Frequenz 94,3 MHz zu empfangen) und als Datei auf dieser Seite wird ein Vermittlungsansatz verfolgt, der es auch mit Neuer Musik wenig vertrauten Zuhörern ermöglichen soll, Strukturen und Entwicklungen nachzuvollziehen. 

 

Das Ziel dieses Schwerpunktes ist es, ein wiederkehrendes Musikfest zu etablieren, das Kräfte aus Ostwestfalen-Lippe und ganz Nordrhein-Westfalen bündelt und der zeitgenössischen Musik in der Zionskirche eine feste Heimat gibt.

 

Ermöglicht wird dieses Festival 2019 wie schon in den vergangenen Jahren auch wieder durch die freundliche Unterstützung der Hanns-Bisegger-Stiftung (Bielefeld), des Förderkreises Kirchenmusik im Pfarrbezirk Bethel und der Stiftung Kirche für Bielefeld sowie erstmalig von der Kunststiftung NRW. Konzeption und Organisation liegen bei Christof Pülsch (Kirchenmusiker der Zionsgemeinde).

NAME

Der Name dieses Festivals FRAKZIONEN (von lat. fractio: Bruch oder Bruchteil) verweist auf verschiedene Formen von Brüchen:

 

Heute erleben wir wie in keiner Epoche zuvor ganz vielfältige und widersprüchliche Formen von musikalischer Zeitgenossenschaft. Das Repertoire des gängigen Konzertbetriebes (des weltlichen wie des geistlichen) speist sich anders als in früheren Jahrhunderten zum allergrößten Teil aus Musik, die vor 100 oder noch mehr Jahren entstanden ist. Dabei wird Musik, die nach 1945 komponiert wurde, oft vollständig ignoriert oder per se als unverständlich abgelehnt, und die aktuelle Produktion und Rezeption neuester Musik findet - wenn überhaupt - dann zumeist nur noch in den Refugien von Hochschulen, Festivals für ein kleines Spezialpublikum oder im Nachtprogramm öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten statt. Dieses Festival widmet sich also einem kleinen Bruchteil der Musik, die uns in unserer Zeit und in unseren Milieus umgibt.

 

Wir erleben heute eine Fraktionierung des Publikums, ein Prozess, der sich parallel zu einer fortschreitenden gesamtgesellschaftlichen Individualisierung bewegt. Wer sich für die sogenannte ernste Neue Musik interessiert, findet sich schnell in einem überschaubaren Kreis von nur wenigen und bald vertrauten Zuhörern wieder. Dieses Festival möchte natürlich auch diesen kleinen Zirkel ansprechen, strebt allerdings an, diese Fraktionierung wenigstens in Ansätzen zu überwinden. Die zeitlich überschaubaren Formate mit Einheiten von 30 bis 45 Minuten, die Konzerteinführungen und die leichte Zugänglichkeit der Konzerte (bei freiem Eintritt) sollen die Schwellenangst nehmen und eine unverbindliche Kontaktaufnahme zu Neuem erleichtern.

 

Brüche auf einer ganz anderen Ebene erleben wir täglich: Wir beklagen globale Ungerechtigkeit und profitieren von ihr. Wir haben Mitleid mit Flüchtenden, die wir dennoch an unseren Grenzen abweisen, um unseren Lebensstil wahren zu können. Wir prangern unmenschliche Arbeitsbedingungen in Produktionsprozessen ferner Länder an und kaufen dennoch deren Erzeugnisse. Keine Generation vor uns war so direkt mit den Widersprüchlichkeiten und unerwünschten Folgen ihres Handelns konfrontiert. In dieser Welt braucht es daher auch eine Musik, die um diese Zerrissenheit weiß, eine Musik, die nicht allein Wohlklang bietet, sondern die Existenz von Geräusch, Unkalkulierbarkeit und Unvollkommenheit nicht leugnet. Eine Musik für diese Zeit.

 

Und darum gehört diese Musik in die Kirche. Dies ist der Ort, an dem Menschen auch heute noch Grenzerfahrungen machen können sollten. Ein Ort, für die Begegnung mit sich selbst und für Erfahrungen von Transzendenz. Für die Begegnung mit einer Musik, die in unsere Zeit spricht und über die sichtbare Wirklichkeit hinausweist. Eine Musik, die eine Auseinandersetzung mit ihr - und sich - fordert und Widersprüche nicht auflösen muss, sondern ihnen Raum gibt. Und eine Musik, die aufhorchen lässt und gehört werden muss.